Die Schäferpfeife


Dieses Instrument verdient den Namen „Schäferpfeife“. Die Schalmei habe ich aus genauen Aufzeichnungen der "Wiener" Schäferpfeife (im KHM Wien zu betrachten) abgeleitet, sie steht etwas mehr als einen Ganzton tiefer als diese. Der Klang ist sehr ähnlich und die Spielcharakteristik ist identisch. Kein Wunder: der ganze Aufbau ist gleich. Von der Tonlage abgesehen, ist der einzige Unterschied, dass mein Instrument, im Gegensatz zur „Wiener“ Schalmei, über ein Daumenloch verfügt.

Die Existenz des wiener Vorbildes war bekannt, wurde aber ignoriert. Statt dessen wurde die Schalmei aus der Berry auserkoren um unsere sogenannte „Schäferpfeifen“ zu zieren.

Die echte Schäferpfeife ist anders. Der Klang ist unverkennbar, die möglichen Spieltechniken sind vielfältiger als die der Berrichonne. Sie warten darauf, entdeckt zu werden.

Die erste Version dieser Schalmei habe ich nach der Beschreibung und Empfehlung von Michael Praetorius (Syntagma Musicum, 1619) gebaut. Will heissen: Der Grundton befindet sich in der Mitte der Schalmei (plagaler Modus). Die Bordune sind in Quinte gestimmt, der grosse Bordun spielt den Grundton. Die von Praetorius bemängelte, „falsche“ Stimmung der oberen Schalmeitöne ist in der Originalversion eine Tatsache. Seine Empfehlung, das „Problem“ durch Hinzufügen eines Daumenloches zu lösen ist so einfach, wie logisch, wie wirkungsvoll. Ich habe das gemacht. Bleibt nur die Frage, warum die alten Meister es nicht taten. Gewiss nicht, weil sie zu dumm waren, oder ihre Bohrer schonen wollten. Sie wollten offenbar die Tonleiter genau so haben wie es die Daumenlochlose ergibt. Für die heutige, glatt gebügelte Hörgewohnheit hat eine solche Tonleiter aber einen recht herben Charakter, zu dessen Milderung ich eben das Daumenloch hinzugefügt habe.

Das Resultat ist ein Dudelsack mit einer völlig anderen Charakteristik als die heute gebräuchlichen und dazu mit mehr Spielmöglichkeiten.

Die erste Version steht in E/A (Grundton= A).

Weitere Informationen zu dieser Schalmei und zur Begründung ihres Namens können hier als pdf herunter geladen werden.



Schäferpfeife
"Schäferpfeife" in E/A. Quint-Bordune. Buchsbaum/Zwetschge, Zinnringe.
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Der Brueghel-Dudelsack

Es war naheliegend, nach der Rekonstruktion der Praetorius-Schalmei (E/A), auch eine gleichartige in D zu bauen. Das war mit dem gleichen Rohrblatt-Typus auch problemlos möglich. Und wenn das so einfach machbar ist, kann man sicher sein, dass es eine solche Schalmei früher auch gegeben hat. Die Suche nach einem ikonografischen Nachweis für diese tiefere Variante war ebenfalls sehr schnell erfolgreich: Brueghel! Kurz zusammengefasst, nehme ich an, dass die Schalmei von Brueghel in etwa im heutigen D stand. Es gab für diese Schalmei zwei Dudelsack-Ausführungen: einmal im plagalen und einmal im authentischen Modus. Für nähere Erklärungen und Begründungen dieser Theorie verweise ich auf diesen Artikel (als pdf-download).

Hier also ein Vorschlag, wie der Brueghel-Dudelsack geklungen haben könnte. In diesem Fall mit Quint-Bordunen in "authentischer" Anordnung. Die Schalmei ist bau- und spieltechnisch mit der oben beschriebenen Schäferpfeife identisch, nur eben einen Ton tiefer gestimmt, und somit ungefähr in der Tonhöhe, die Praetorius für niederländische Instrumente beschrieben hat.





Brueghel
Brueghel-Dudelsack in D. Quint-Bordune. Buchsbaum/Kirschbaum/Zwetschge
mp3      Grifftabelle






Die Muchosa

Im einmalig schönen Musikinstrumenten-Museum in Brüssel (MIM) ruhen 3 Muchosa's. Es sind Dudelsäcke die in Belgien und Nordfrankreich bis Anfang des 20. JH gespielt wurden. Lediglich diese drei Exemplare wurden aufgefunden. Seit der Wiederbelebung der Bordunmusik in den 1970-er Jahren wurden viele sogenannte Muchosa's in Belgien gebaut. Die Tatsache, dass dieses Instrument einige Merkmale aufweist die sich von den heutigen Vorstellungen einer „richtigen“ Schalmei drastisch unterscheiden, führte dazu, dass die nachgebauten Muchosa's der Berrichonne-Schalmei auffallend ähnelten. Die Muchosa entsprach nicht der Norm und wurde somit kurzerhand „verbessert“. Der Original-Charakter wurde vernichtet.

Ich habe im Jahre 2004 beschlossen, für die exakte Nachbildung der Original-Schalmei (Nr. 2701 MIM, Konstruktionsplan von Olle Geris) ein passendes Rohrblatt zu machen. Das gelang mir binnen zwei Tagen. Es ist nicht nötig, die Griffloch-Anordnung zu ändern, wie es meistens geschah. Das extrem hoch platzierte Kleinfingerloch wurde als Fehler betrachtet. Als ob die damaligen Hersteller beharrlich einen bekannten Fehler mutwillig wiederholen würden: Alle drei Exemplare zeigen nahezu identische Grifflochpositionen.

Hier also ein Nachbau des Exemplars 2701 MIM (Bohrungen und Grifflöcher sind exakt wie beim Original. Bei der Formgebung habe ich mich jedoch nicht an die Vorlage gehalten). Das Instrument steht in B.
Ich betone, dass die hervorragenden Klang- und Spieleigenschaften nur bei korrekt hergestellten Rohrblättern, sowie bei genauer Reproduktion der unregelmässigen Schalmei-Bohrung erreicht werden. Hält man sich daran nicht, ist das Resultat nachweisbar sehr enttäuschend.




Muchosa
Muchosa. Zwetschge, Zinnringe.
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